Stefan Priebsch

Software Success Consultant

KI als neue Chance auf bessere Software?

Last updated April 11, 2026

In der Softwarebranche haben wir uns daran gewöhnt, Qualitätsprobleme als Normalzustand hinzunehmen: wir haben zu wenig automatisierte Tests. Änderungen sind regelmäßig riskanter, als sie sein müssten. Refactorings werden auf später verschoben, weil wir uns die dafür nötige Zeit nicht nehmen. So werden Codebasen mit jeder Iteration schwerer veränderbar.

Wir hören immer wieder die gleiche Erklärung: wir haben keine Zeit, wir haben zu viel Druck, und außerdem ist unsere Anwendung ja so schrecklich komplex. Das ist zwar alles nachvollziehbar, aber es ist trotzdem ein Problem.

Qualitätsprobleme sind systemisch

Schlechte Codequalität entsteht selten deshalb, weil Menschen nicht dazu in der Lage wären, gute Software zu bauen. Sie entsteht, weil unsere Arbeitsrealität gute technische Entscheidungen regelmäßig bestraft. Wer unter hohem Lieferdruck steht, investiert nicht zuerst in Testabdeckung, in saubere Strukturen oder in systematisches Aufräumen, weil das System oft andere Anreize setzt.

Deshalb ist besseres Tooling so wichtig. Wenn Werkzeuge uns helfen, Tests zu erzeugen, sichere Refactorings vorzubereiten, Änderungen schneller abzusichern und Schwachstellen früher sichtbar zu machen, dann verschiebt sich etwas Grundlegendes und Qualität ist nicht länger nur eine Frage individueller Disziplin. Das ist der eigentliche Fortschritt.

Geschwindigkeit ist nicht der entscheidende Hebel

Wir reden bei Automatisierung häufig über Geschwindigkeit. Ich halte das für zu kurz gedacht. Der interessantere Hebel ist nicht, dass wir schneller Code erzeugen. Der interessantere Hebel ist, dass wir die Chance haben, systematisch besseren Code zu erzeugen.

Und damit könnte eine Entwicklung beginnen, die weit über einzelne Teams hinausreicht.

KI könnte die Branche lernfähiger machen

Wenn wir KI in Trainingszyklen mit immer besserem Code, besseren Tests, saubereren Refactorings und nachvollziehbareren Architekturentscheidungen trainieren, könnte das unsere Branche lernfähig auf einem ganz neuen Level machen.

Bislang ist die Softwareentwicklung zwar wissensintensiv, aber nur begrenzt lernend. Gute Lösungen entstehen an vielen Orten. Aber sie verbreiten sich langsam, unsystematisch und oft zufällig. Viel Erfahrung bleibt lokal. Viel Exzellenz bleibt an einzelne Personen oder Teams gebunden. Und zu viele Fehler werden immer wieder neu gemacht.

Mit besserem Tooling können wir dieses Muster aufbrechen.

Wenn gute Praktiken nicht nur dokumentiert, sondern durch Werkzeuge aktiv in den Alltag eingebracht werden, dann skaliert Qualität anders. Dann hängt sie weniger von Heldentum ab, weniger von einzelnen Senior Engineers, die implizites Wissen zusammenhalten. Und vor allem entsteht Qualität dann nicht mehr durch Zufall oder Glück.

Stattdessen könnte eine Umgebung entstehen, in der gute Lösungen wahrscheinlicher werden, weil sie technisch unterstützt, im Prozess verankert und durch lernende Systeme verstärkt werden. Darin liegt für mich die eigentliche Hoffnung.

KI verstärkt nicht nur Qualität, sondern auch Schwächen

Wenn wir allerdings die Chance auf kontinuierliche Verbesserung verpassen, könnte das Gegenteil passieren: Dann iterieren wir uns nicht in eine Spirale der Verbesserung, sondern in eine Spirale der Verschlechterung. Denn KI verstärkt nicht automatisch Qualität, sondern vor allem das, was wir ihr an Mustern, Entscheidungen und Routinen zur Verfügung stellen. Wenn wir schlechten Code, schwache Tests, unsaubere Strukturen und kurzfristige technische Kompromisse in großem Maßstab reproduzieren, dann beschleunigen wir nicht nur Entwicklung, sondern auch Erosion. Technische Schulden würden sich dann sich systematisch verstärken.

Ich glaube nicht, dass KI uns ersetzt. Ich glaube stattdessen an die reale Chance, dass uns KI hilft, ein professionelleres Niveau zu erreichen. Dass sie Routinen automatisiert, Risiken reduziert und gute technische Entscheidungen wirtschaftlicher macht. Dass sie aus Qualitätsansprüchen konkrete Praxis macht.

Dafür müssen wir unsere Werkzeuge so einsetzen, dass unsere Branche aus gutem Code systematisch besseren Code lernt. Wenn KI den Lernzyklus von einer Entwicklergeneration auf den Trainingszyklus eines Modells verkürzt, gewinnen wir mehr als nur Produktivität. Wir gewinnen die Chance auf eine Softwareindustrie, die aus ihren besten Lösungen konsequent lernt, Qualität in die Breite trägt und technische Exzellenz nicht länger dem Zufall überlässt.

Das wäre nicht bloß effizienter, sondern vor allem erwachsener.

Stefan Priebsch beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie wir die Softwareentwicklung durch KI verbessern können. Mehr dazu.